Künstliche Intelligenz ist in der Welt des Rechts nicht mehr nur eine Kuriosität - sie wird zum alltäglichen Werkzeug bei der Analyse von Verträgen und juristischen Dokumenten. Für Rechtsabteilungen in Unternehmen und Kanzleien ist heute nicht nur die Frage „ob“ KI eingesetzt werden soll entscheidend, sondern „wie“ dies sicher, effizient und im Einklang mit dem AI Act geschieht.
Die Kanzlei CMS beschreibt Harvey als „an die Bedürfnisse von Juristen angepasstes ChatGPT“, das das Hochladen ganzer Vertragsbündel ermöglicht, Fragen zum Inhalt beantwortet und strukturierte Antworten liefert, z. B. Tabellen mit Risiken oder Abweichungen vom Muster.
1. Juristen erstellen in Harvey sogenannte Playbooks - Regelwerke, die die Reaktion auf erkannte Vertragsklauseln automatisieren, etwa das Setzen einer Flagge bei Klauseln mit unbegrenzter Haftung.
2. Das polnische Tool AnyLawyer ermöglicht hingegen die automatische Erkennung von Schlüsselklasulen, Risiken und Abweichungen von Standarddokumenten sowie die Analyse ganzer Vertragsportfolios im Rahmen einer einzigen Due Diligence.
3. Wichtig ist, dass Antworten in AnyLawyer Verweise auf konkrete Stellen in den Quelldokumenten enthalten, was die Validierung der Ergebnisse durch Juristen erleichtert.
In der Praxis bedeutet dies den Übergang von der manuellen Durchsicht dutzender Dateien zur Arbeit auf Ebene der Geschäftslogik - Entscheidungen darüber, welche Klauseln akzeptabel sind und welche verhandelt werden müssen.
Die Automatisierung der Due Diligence ist eines der greifbarsten Nutzungsfelder. AnyLawyer ermöglicht die gleichzeitige Analyse ganzer Dokumentenportfolios - von Kundenverträgen bis zu Lieferantenverträgen - hinsichtlich der Konsistenz von Schlüsselklasulen und Abweichungen von Konzernstandards.
1. Thomson Reuters CoCounsel, unter anderem bei der Kanzlei Greenberg Traurig im Einsatz, erlaubt die Extraktion von Klauseln aus Hunderten von Dokumenten in weniger als einer Stunde und unter Aufsicht von Juristen.
2. Solche Werkzeuge unterstützen den schnellen Übergang „vom Material zur Bewertung und Empfehlung“, verkürzen die Zeit technischer Analyse und lenken die Aufmerksamkeit der Experten auf Interpretation und geschäftliche Verhandlung.
3. Studien und Präsentationen im Legal-Tech-Bereich zeigen, dass generative KI sich gut eignet, rechtliche Risiken zu identifizieren und Bestimmungen vorläufig zu kategorisieren, vorausgesetzt, die Ergebnisse werden von einem Juristen überprüft.
Für ein Unternehmen bedeutet dies eine tatsächliche Verkürzung der Vertragsprüfungszeit bei M&A-Transaktionen und eine bessere Kontrolle der Übereinstimmung von Verträgen mit Konzernrichtlinien.
Im Kontext des AI Act gewinnt die Bedeutung von speziell für juristische Dokumente entwickelten Werkzeugen an Gewicht, etwa LEX AI, das in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Danzig entwickelt wird.
1. Die Plattform verbindet generative KI mit einer großen Datenbank von Gesetzen und Rechtsprechung - über 3,4 Millionen Datensätze - und wird mit der Annahme entwickelt, dass Datensicherheit eine Grundanforderung und kein Zusatz ist.
2. In Pilotprojekten bei öffentlichen Institutionen dient LEX AI unter anderem der Analyse und Begutachtung von Dokumenten, der Suche nach aktuellen Vorschriften und Auslegungen sowie der Bewertung rechtlicher Risiken in Verwaltungsverfahren.
3. Im Kontext des AI Act und von Hochrisiko-KI-Systemen betonen Experten die Notwendigkeit klarer vertraglicher Regelungen darüber, welche Daten an das System übermittelt werden, zu welchen Zwecken die KI eingesetzt wird und wie Vertragspartner über deren Einsatz informiert werden.
Dies ist auch die Richtung für die Wirtschaft: weg von „allgemeinen Chatbots“ hin zu zertifizierbaren, domänenspezifischen KI-Systemen, die sich sowohl in Prüfungen als auch vor Gericht behaupten lassen.
Für eine Rechtsabteilung oder eine Kanzlei, die Unternehmen betreut, ist heute die strategische Implementierung entscheidend:
1. Wählen Sie Werkzeuge, die für das Rechtswesen entwickelt wurden (Harvey, AnyLawyer, CoCounsel, LEX AI), anstatt sich ausschließlich auf allgemeine Modelle zu verlassen.
2. Erstellen Sie eigene Playbooks für Klauseln und Risiken, eingebettet in die tatsächlichen Compliance-Richtlinien des Unternehmens.
3. Regeln Sie vertraglich die Nutzung von KI und den Datenfluss, mit Blick auf die bevorstehenden vollständigen Sanktionen des AI Act.
1. Kann KI einen Juristen bei der Vertragsanalyse vollständig ersetzen? Nein - Werkzeuge wie Harvey, AnyLawyer oder LEX AI sind als Unterstützung unter Aufsicht eines Juristen konzipiert, der die Ergebnisse prüft und geschäftliche Entscheidungen trifft.
2. Welche Verträge profitieren am meisten von einer KI-Analyse? Die größten Vorteile zeigen sich bei großen Portfolios ähnlicher Verträge (z. B. Verkaufs-, Vertriebsverträge, NDAs) sowie bei Due Diligence im Rahmen von M&A-Transaktionen.
3. Ist der Einsatz von KI zur Dokumentenanalyse mit dem AI Act vereinbar? Ja, sofern das System richtig klassifiziert ist, eine Risikobewertung erfolgt, Datenschutzmaßnahmen implementiert sind und Kunden sowie Vertragspartner angemessen über die Nutzung der KI informiert werden.
4. Wie beginnt man mit der Einführung von KI in einer Rechtsabteilung? Am besten mit einem Pilotprojekt in einem ausgewählten Prozess (z. B. NDA-Prüfung), mit einem domänenorientierten Tool und klar definierten Playbooks für Risiken, und skaliert das System anschließend auf weitere Vertragstypen.